Goldpreis in technischer Schwächephase
Der Goldmarkt befand sich zuletzt in einer mehrwöchigen Übergangsphase. Nach der massiven Rally bis Februar verlor der Goldpreis deutlich an Dynamik. Zwischenzeitlich fiel der Kurs am Spotmarkt wieder unter die Marke von 4.600 US-Dollar je Unze zurück.
Damit setzte sich eine Entwicklung fort, die bereits im März begonnen hatte. Die zuvor extrem überkaufte Marktlage wurde schrittweise abgebaut. Aus charttechnischer Sicht entstand eine klassische Konsolidierungsbewegung nach einer außergewöhnlich starken Aufwärtsphase.
Flucht aus Gold-Futures
Besonders auffällig war dabei die Entwicklung am US-Terminmarkt. Dort verlor Gold zuletzt deutlich an Aufmerksamkeit. Der Open Interest an der COMEX fiel im April zeitweise auf den niedrigsten Stand seit 16 Jahren (siehe Grafik unten). Die Zahl offener Futures-Kontrakte ging damit massiv zurück, während die Netto-Positionen der größten Händlergruppen relativ konstant blieben (kaum Bewegung im Markt).
Gleichzeitig sank auch der Anteil spekulativer Positionierungen am gesamten Open Interest deutlich. Anfang des Jahres hatten spekulative Händler noch fast 60 Prozent aller offenen Positionen gestellt. Im März fiel dieser Anteil auf nur noch 48 Prozent zurück.
Der Markt verlor damit einen erheblichen Teil seiner kurzfristigen Dynamik. Viele Händler zogen Kapital aus Gold-Futures ab. Genau dieser Rückzug spekulativer Marktteilnehmer prägte die Kursentwicklung der vergangenen Wochen maßgeblich.
Iran-Konflikt verschiebt Zinserwartungen
Belastet wurde Gold zuletzt vor allem durch das makroökonomische Umfeld.
Im Mittelpunkt stand dabei der Iran-Konflikt. Die geopolitischen Spannungen trieben den Ölpreis deutlich nach oben. Dadurch stiegen auch die Inflationserwartungen wieder an.
Genau das veränderte die Zinsperspektive an den Finanzmärkten. Während Anfang des Jahres noch auf mehrere Zinssenkungen in den USA spekuliert wurde, rechnen viele Analysten inzwischen nicht mehr mit weiteren Schritten der US-Notenbank in diesem Jahr.
Mehr noch: Die Europäische Zentralbank bereitet die Märkte inzwischen sogar auf mögliche Zinserhöhungen vor.
Steigende Zinsen gelten traditionell als Gegenwind für Gold. Denn höhere Renditen machen zinstragende Anlagen attraktiver.
Geldmarkt in Konkurrenz zu Gold
Besonders deutlich zeigte sich das zuletzt am Anleihemarkt. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen erreichte ein Neunmonatshoch. In Deutschland stiegen die Renditen entsprechender Bundesanleihen mit knapp über 3 Prozent sogar auf den höchsten Stand seit 2011.
Damit geraten Staatsanleihen und Geldmarktpapiere wieder stärker in Konkurrenz zu Gold.
Hinzu kam ein überraschend robustes Umfeld an den Aktienmärkten. Die jüngste US-Berichtssaison verlief deutlich besser als erwartet. Vor allem Technologie- und Chipkonzerne überzeugten mit starken Zahlen.
Dadurch verschwanden Zweifel an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des KI-Booms zunächst wieder aus dem Markt. Kapital floss verstärkt zurück in Wachstums- und Technologieaktien.
Gold verlor damit kurzfristig an relativer Attraktivität. Anleger setzten wieder stärker auf Risikoanlagen.
Auch der Realzins spielte zuletzt gegen Gold. In den USA lag die Inflation im März bei 3,3 Prozent. Gleichzeitig bewegte sich die effektive Fed Funds Rate bei 3,64 Prozent.
Damit blieb der Realzins leicht positiv. Historisch gilt genau dieses Umfeld eher als ungünstig für Gold.
Zentralbanken verkaufen Gold
Zusätzliche Verunsicherung kam zuletzt von den Zentralbanken. Sie galten in den vergangenen Jahren als einer der wichtigsten Stützpfeiler am Goldmarkt. Doch zuletzt meldeten mehrere Länder teils deutliche Goldverkäufe.
Das bedeutet noch keinen Bruch des langfristigen Trends. Die weltweiten Goldreserven steigen weiterhin. Aber der Markt nimmt solche Bewegungen sensibel auf. Denn wenn einzelne Zentralbanken größere Mengen abgeben, kann das kurzfristig auf die Stimmung drücken.
Vor allem nach einer starken Rally wird dieser Faktor wichtiger. Dann achten Investoren genauer darauf, ob institutionelle Käufer weiter stützen oder ob Gewinnmitnahmen einsetzen. Für Gold ist das kein Hauptargument gegen den langfristigen Trend. Aber es gehört derzeit klar zu den Belastungsfaktoren der Übergangsphase.
Warum das langfristige Umfeld dennoch für Gold spricht
Trotz der jüngsten Schwächephase bleiben die strukturellen Argumente für Gold bestehen.
Denn gerade der starke Anstieg der Marktzinsen verschärft langfristig ein anderes Problem: die Finanzierung der globalen Schuldenberge.
Steigende Renditen bedeuten für Staaten massiv höhere Finanzierungskosten. Genau darin liegt eines der größten Risiken der kommenden Jahre.
Schon kleine Zinsanstiege erzeugen inzwischen enorme Zusatzbelastungen für die öffentlichen Haushalte. Gleichzeitig wachsen die Schulden weltweit weiter an.
Damit steigt langfristig auch die Gefahr neuer Spannungen an den Anleihemärkten. Viele Investoren erinnern sich dabei an die Eurokrise oder an die Turbulenzen am britischen Anleihemarkt im Jahr 2022.
Kurzfristig belasten höhere Zinsen also den Goldpreis. Langfristig können genau diese Zinsen jedoch Zweifel an der Stabilität des Finanzsystems auslösen — und damit wiederum Gold stärken.
Hinzu kommt: Außerhalb der USA bleibt das Realzins-Umfeld deutlich günstiger für Gold.
In Deutschland lag die Inflation zuletzt bei 2,9 Prozent, während der EZB-Leitzins nur bei 2 Prozent liegt. Der Realzins bleibt damit negativ. Genau solche Phasen gelten traditionell als unterstützend für Gold.
Schlüsselmarkt China
Auch der physische Markt sendet inzwischen wieder stabilere Signale.
Bereits im Dezember war der sogenannte China-Spread ins Negative gerutscht (siehe Grafik unten). Der Goldpreis an der Shanghai Gold Exchange notierte damals zeitweise 40 Dollar unter dem europäischen Spotkurs — ein Hinweis auf schwächere Nachfrage.
Zuletzt drehte das Bild jedoch wieder. In den vergangenen Wochen lag der Preis an der Shanghai Gold Exchange erneut deutlich über dem europäischen Referenzkurs. Der Aufschlag betrug zuletzt rund 23 US-Dollar je Unze.
Das deutet auf eine wieder robustere physische Nachfrage aus China hin.
Erste Argumente für einen Rebound
Gleichzeitig mehren sich inzwischen erste Hinweise darauf, dass die Konsolidierung bereits weit fortgeschritten sein könnte.
Denn ein großer Teil des spekulativen Kapitals hat den Markt bereits verlassen. Genau solche Phasen extremer Ernüchterung bilden häufig die Grundlage für neue Aufwärtsbewegungen.
Gold gilt derzeit vielerorts nicht mehr als der große Momentum-Trade der vergangenen Monate. Gerade das könnte sich zunehmend als Kontraindikator erweisen.
Denn sobald neue Kursdynamik entsteht, könnten auch Händler an den US-Terminmarkt zurückkehren. Ein steigender Open Interest würde in diesem Fall neue Liquidität und zusätzliche Dynamik in den Markt bringen.
Charttechnisch bleibt zudem entscheidend, ob der Bereich um 4.600 US-Dollar bzw. 3.900 Euro nachhaltig verteidigt werden kann. Stabilisiert sich Gold oberhalb dieser Zone, könnte daraus eine neue Aufwärtsbewegung entstehen.
Hinzu kommt ein saisonaler Aspekt: Der Mai zählt statistisch zu den stärksten Monaten des Jahres am Goldmarkt. Zwar ist Saisonalität allein kein verlässlicher Kurstreiber. In einer Phase nachlassenden Verkaufsdrucks kann sie jedoch zusätzliche Unterstützung liefern.
Übergangsphase statt Trendbruch
Der Goldmarkt wirkt derzeit weniger wie ein Markt im langfristigen Trendbruch — sondern vielmehr wie ein Markt in einer Bereinigungsphase nach einer außergewöhnlich starken Rally.
Die spekulative Überhitzung wurde deutlich reduziert. Gleichzeitig stabilisiert sich die physische Nachfrage wieder. Entscheidend dürfte nun sein, ob neue Kursdynamik erneut Kapital anzieht.
Kurzfristig dominieren weiterhin hohe Renditen, stabile Aktienmärkte und vorsichtige Zinserwartungen. Langfristig bleiben jedoch viele der strukturellen Probleme bestehen, die Gold zuletzt überhaupt erst auf Rekordniveau getrieben hatten.