Totgesagte leben länger – Gold ist wieder da

Der Goldpreis hat Anfang August die sechsmonatige Korrektur beendet und eine neue Aufwärtsdynamik entwickelt. Die Analyse zeigt die wichtigsten Treiber, Chancen und Risiken. // Bildnachweis: Goldreporter.de / KI-generiert

Goldpreis beendet sechsmonatige Korrektur

Totgesagte leben länger. Nach einer sechsmonatigen Korrektur ist Gold wieder da. Anfang August hat sich das technische Bild beim Goldpreis grundlegend verbessert. Mit dem Ausbruch über die Marke von 4.100 US-Dollar wurde zunächst der seit Ende Januar bestehende Abwärtstrend überwunden. Anschließend fiel auch die 50-Tage-Linie. Daraus entwickelte sich eine neue Aufwärtsdynamik, die den Goldpreis zuletzt wieder über 4.400 US-Dollar führte.

Damit hat sich die Marktlage innerhalb weniger Wochen deutlich verändert. Seit dem Rekordhoch von 5.419 US-Dollar Ende Januar war Gold in mehreren Wellen gefallen. In der Spitze betrug die Korrektur rund 25 Prozent. Vor allem aber war das Interesse kurzfristig orientierter Anleger monatelang gering.

Der technische Trendwechsel kam nun nicht allein. Gleichzeitig haben sich einige makroökonomische Belastungsfaktoren zumindest abgeschwächt.

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Zinssorgen lassen etwas nach

Einer der wichtigsten Faktoren bleibt die amerikanische Geldpolitik. Noch vor wenigen Wochen schien eine weitere Zinserhöhung der US-Notenbank im September durchaus wahrscheinlich. Inzwischen hat sich das Bild verändert.

Dazu beigetragen haben mäßige US-Konjunkturdaten, insbesondere vom Arbeitsmarkt. Gleichzeitig ist die Inflation zuletzt nicht weiter gestiegen. Die Juli-Daten entsprachen weitgehend den Erwartungen. Die US-Inflationsrate sank von 3,5 Prozent im Juni auf 3,4 Prozent. Die Kerninflation ging von 2,6 auf 2,5 Prozent zurück.

Damit hat zumindest vorerst ein Szenario an Wahrscheinlichkeit verloren, das den Goldmarkt während der Korrektur immer wieder belastete: weiter steigende Inflation, höhere Leitzinsen und dauerhaft zunehmende Anleiherenditen.

Entsprechend weist das FedWatch-Tool für September derzeit nur noch eine Wahrscheinlichkeit von rund 40 Prozent für eine Zinserhöhung aus. Einen Monat zuvor waren es noch 68 Prozent gewesen.

Hinzu kamen zeitweise Hoffnungen auf eine Entspannung im Nahen Osten und insbesondere auf eine Vereinbarung zur Straße von Hormus. Ein Rückgang der geopolitischen Risikoprämie beim Öl würde auch die Inflationssorgen dämpfen.

Ölpreis und US-Renditen bleiben Schlüsselfaktoren

Ganz verschwunden ist das Zinsproblem allerdings nicht. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen war zeitweise auf mehr als 4,7 Prozent gestiegen und lag zuletzt mit rund 4,66 Prozent weiterhin auf hohem Niveau.

Deshalb richten Analysten ihren Blick weiterhin vor allem auf zwei Märkte: Öl und US-Staatsanleihen. Steigt der Ölpreis infolge einer erneuten Eskalation im Nahen Osten kräftig an, könnten die Inflationserwartungen schnell wieder zunehmen. Das wiederum würde höhere Marktzinsen begünstigen.

Interessant ist allerdings, dass Gold zuletzt trotz der hohen Renditen deutlich zulegen konnte. Mit dem technischen Trendwechsel hat sich damit auch das Narrativ am Goldmarkt ein Stück weit verändert.

Während der Korrektur reagierte Gold teilweise ausgesprochen empfindlich auf steigende US-Renditen und veränderte Zinserwartungen. Seit dem Ausbruch spielen diese Faktoren kurzfristig eine etwas untergeordnete Rolle. Das bedeutet nicht, dass Zinsen für Gold unwichtig geworden wären. Vielmehr ist wieder ein anderer Faktor hinzugekommen: Momentum.

Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen verharrte zuletzt in der Nähe von 4,7 Prozent. Der Anstieg spiegelt auch die gedämpfte Nachfrage nach US-Schuldscheinen wider.

Spekulatives Kapital kehrt zurück

Die jüngsten CoT-Daten vom US-Terminmarkt zeigen deutlich, dass nach dem Ausbruch wieder spekulatives Kapital in Gold fließt. Der Open Interest an der COMEX ist gestiegen und auch die Positionierung kurzfristig orientierter Marktteilnehmer hat sich wieder stärker in Richtung steigender Goldpreise verschoben.

Das ist bemerkenswert, denn über Monate waren Wetten auf steigende Goldpreise kaum gefragt. Ein großer Teil des spekulativen Kapitals floss stattdessen in Technologie- und KI-Aktien.

Nun könnten Kapitalumschichtungen für beide Märkte eine größere Rolle spielen. Gold dürfte davon zumindest kurzfristig profitieren. Denn gleichzeitig wachsen die Zweifel daran, ob sich die gewaltigen Investitionen in künstliche Intelligenz in der erwarteten Geschwindigkeit in Gewinne umsetzen lassen.

Hinzu kommt die Konkurrenz aus China. Leistungsfähige chinesische Open-Source-KI-Modelle sorgen in den USA immer wieder für Unruhe, weil sie die Frage aufwerfen, ob für vergleichbare Ergebnisse tatsächlich Investitionen in der bisher angenommenen Größenordnung notwendig sind.

Schon geringe Umschichtungen aus dem hoch bewerteten Technologiesektor können für den vergleichsweise kleinen Goldmarkt erhebliche Auswirkungen haben.

Yen-Krise liefert zusätzlichen Impuls

Ein weiterer Faktor der vergangenen Wochen war die Yen-Krise. Die USA griffen am Devisenmarkt ein, um die japanische Währung zu stabilisieren – und zwar durchaus aus Eigeninteresse.

Japan ist der größte ausländische Gläubiger der Vereinigten Staaten. Eine weitere starke Abwertung des Yen könnte japanische Investoren dazu bewegen, Kapital zurückzuholen oder US-Staatsanleihen zu verkaufen. Das würde zusätzlichen Druck auf den ohnehin angespannten US-Anleihemarkt ausüben und die Finanzierungskosten Washingtons weiter erhöhen.

Die US-Unterstützung für den Yen zeigt damit auch, wie eng Devisen-, Anleihe- und Goldmarkt inzwischen miteinander verbunden sind.

Für Gold ist das grundsätzlich ein interessantes Umfeld. Denn sobald staatliche Akteure zunehmend gezwungen sind, an Währungs- und Anleihemärkten zu intervenieren, rückt die Frage nach der Stabilität des Finanzsystems wieder stärker in den Vordergrund.

Der China-Spread, also der Goldpreis-Aufschlag an der Shanghai Gold Exchange zum europäischen Spotkurs, war zuletzt wieder negativ.

China liefert derzeit kaum Preisimpulse

Interessant bleibt auch der Blick nach China. Dort zeigt sich derzeit ein zweigeteiltes Bild.

Auf der einen Seite hat die chinesische Zentralbank ihre Goldreserven in den vergangenen Monaten wieder deutlich stärker erhöht. Im Juli wurde sogar der höchste monatliche Zuwachs seit Oktober 2023 gemeldet. Auch andere Zentralbanken bleiben auf der Käuferseite. Insbesondere Polen trat zuletzt erneut als großer Goldkäufer auf. Einen Überblick liefert unser aktueller Bericht über die Goldreserven weltweit.

Auf der anderen Seite bleibt die private Goldnachfrage in China gedämpft. Die Behörden haben gehebelte Goldgeschäfte in den vergangenen Wochen stärker reguliert. Gleichzeitig fiel der sogenannte China-Spread zuletzt deutlich ins Minus. Gold wurde an der Shanghai Gold Exchange zeitweise rund 16 US-Dollar je Unze günstiger gehandelt als am europäischen Spotmarkt.

Das ist ein wichtiger Hinweis: Die jüngsten Goldpreisimpulse kamen vor allem aus dem Westen und nicht aus China.

Dennoch bleibt die Zentralbanknachfrage ein solides Fundament für den Goldmarkt. Zwar wirken die Käufe der Notenbanken aufgrund der Struktur und Abwicklung des OTC-Handels nicht zwangsläufig unmittelbar auf den Spotpreis. Langfristig entziehen sie dem Markt jedoch erhebliche Metallmengen.

Physischer Goldmarkt bleibt entspannt

Bemerkenswert ist gleichzeitig die Situation im Edelmetall-Handel. Der deutliche Anstieg von Gold und Silber hat zwar zu einer Geschäftsbelebung geführt. Einen großen Ansturm auf Münzen und Barren melden Händler zuletzt jedoch nicht.

Das hat einen interessanten Nebeneffekt: Der gestiegene Goldpreis drückt teilweise sogar das prozentuale Aufgeld auf Anlageprodukte.

Die Bedingungen für Käufer bleiben damit nahezu ideal. Gängige Goldmünzen und Barren sind verfügbar, Lieferzeiten überschaubar und die Händleraufschläge vergleichsweise niedrig. Gerade in starken Nachfragephasen kann das völlig anders aussehen.

Das derzeitige Bild zeigt auch: Die aktuelle Rally wird noch nicht von einer breiten Euphorie privater Edelmetallkäufer getragen. Das unterscheidet die Situation von klassischen Übertreibungsphasen.

Nahost bleibt das größte kurzfristige Risiko

Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor bleibt der Nahe Osten. In den vergangenen Wochen wechselten sich Entspannungssignale und neue Eskalationen immer wieder ab. Die Lage bleibt fragil.

Für Gold ist dabei eine Besonderheit zu beachten: Eine erneute Eskalation muss kurzfristig nicht automatisch steigende Edelmetallpreise bedeuten.

Sollte sich der Konflikt verschärfen und der Ölpreis erneut deutlich anziehen, könnten zunächst die Inflationserwartungen steigen. Reagiert der Anleihemarkt darauf mit höheren Renditen und nehmen gleichzeitig die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen der Fed zu, könnte dies Gold kurzfristig sogar belasten.

Erst wenn stärker der Sicherheitsaspekt beziehungsweise Zweifel an Währungen und Finanzsystem in den Vordergrund treten, würde Gold wieder unmittelbar von seiner klassischen Rolle als Krisenanlage profitieren.

200-Tage-Linie als nächste Bewährungsprobe

Aus technischer Sicht rückt nun die 200-Tage-Linie in den Mittelpunkt. Sie verläuft derzeit im Bereich von knapp 4.500 US-Dollar und stellt nach dem überwundenen Abwärtstrend und der zurückeroberten 50-Tage-Linie die nächste bedeutende Hürde dar.

Unsere aktuelle Chartanalyse zum Goldpreis zeigt, dass dieser Bereich durchaus als Orientierungspunkt für kurzfristige Marktteilnehmer dienen könnte.

Nach dem kräftigen Anstieg seit Anfang August wäre es nicht ungewöhnlich, wenn spekulative Anleger dort zunächst Gewinne mitnehmen. Auch der inzwischen wieder gestiegene Anteil spekulativer Positionen am Open Interest der COMEX erhöht die kurzfristige Schwankungsanfälligkeit.

Denn Kapital, das schnell in einen Markt hineinfließt, kann ihn ebenso schnell wieder verlassen.

Eine zwischenzeitliche Konsolidierung wäre deshalb kein Widerspruch zum übergeordnet verbesserten Chartbild.

August liefert saisonalen Rückenwind

Unterstützung kommt zumindest statistisch von der Saisonalität. Historisch gehört der August zu den besseren Goldmonaten. Nach fünf negativen Monaten in Folge startete Gold zudem aus einer ausgesprochen schwachen Ausgangslage in den August.

Wie unsere Auswertung zur Goldpreis-Saisonalität im August zeigt, fällt die langfristige August-Bilanz überdurchschnittlich positiv aus.

Saisonalität ist selbstverständlich kein Kursversprechen. Zusammen mit dem technischen Trendwechsel und der Rückkehr spekulativen Kapitals liefert sie derzeit aber einen weiteren Baustein für das verbesserte Marktbild.

Der August rangiert immerhin auf Platz vier der besten Goldmonate des Jahres.

Langfristige Gold-Faktoren unverändert

Entscheidender ist ohnehin der langfristige Blick. Denn die fundamentalen Rahmenbedingungen für Gold haben sich während der sechsmonatigen Korrektur praktisch nicht verändert. Verändert hatte sich vor allem die Marktdynamik.

Die Staatsverschuldung bleibt hoch. Gleichzeitig steigen in vielen Ländern die Kosten der Staatsfinanzierung. Höhere Zinsen treffen auf wachsende Schuldenberge und zunehmend angespannte öffentliche Haushalte. Dadurch nimmt der politische Druck zu, die realen Finanzierungskosten langfristig niedrig zu halten.

Das Ergebnis ist eine fortgesetzte, systematische Geldentwertung.

Parallel schreitet die Dedollarisierung voran. Zentralbanken diversifizieren ihre Reserven, Schwellenländer reduzieren ihre Abhängigkeit vom US-Dollar und Gold übernimmt dabei zunehmend die Rolle eines politisch neutralen Reservevermögens.

Auch die Diskussion über die Kreditwürdigkeit westlicher Staaten gewinnt an Bedeutung. Inzwischen wird sogar über einen möglichen langfristigen Ratingverlust Deutschlands gesprochen. Die Bundesrepublik verfügt derzeit noch über die Bestnote AAA.

Sollte die Verschuldung weiter steigen und gleichzeitig die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit stagnieren, könnte das Thema an Bedeutung gewinnen. Ähnliche Entwicklungen würden auch andere Länder der Eurozone treffen. Sinkende Bonitätsbewertungen bedeuten höhere Risikoprämien – und damit zusätzliche Kosten für die Staatsfinanzierung.

Genau hier liegt eine der langfristigen Stärken von Gold: Besonders kräftig steigt sein monetärer Wert häufig dann, wenn das Vertrauen in Staaten, Währungen und das Finanzsystem erodiert.

JPMorgan sieht Gold bei mehr als 5.000 Dollar

Dass diese Überlegungen längst nicht mehr nur von klassischen Goldbefürwortern vertreten werden, zeigt auch der Blick auf die großen US-Banken.

JPMorgan erwartet, dass der Goldpreis im vierten Quartal 2026 über 5.000 US-Dollar steigen kann. Die Bank sieht Gold dabei ausdrücklich als Absicherung gegen wirtschaftliche, politische und finanzielle Risiken.

Damit wäre das Rekordhoch vom Januar zwar noch nicht vollständig zurückerobert. Die Marke von 5.000 US-Dollar würde aber bestätigen, dass die Korrektur tatsächlich nur eine Unterbrechung des langfristigen Aufwärtstrends war.

Fazit: Gold ist wieder da

Die sechsmonatige Korrektur hatte eine wichtige Funktion. Sie baute spekulative Übertreibungen ab, kühlte die Stimmung deutlich ab und drängte kurzfristig orientiertes Kapital aus dem Markt. Genau dadurch entstand neuer Spielraum.

Mit dem Ausbruch über 4.100 US-Dollar hat sich das technische Bild nun grundlegend verbessert. Spekulatives Kapital kehrt zurück, die Zinserwartungen haben sich etwas entspannt und die saisonalen Faktoren sprechen zumindest nicht gegen eine Fortsetzung der Erholung.

Kurzfristige Rückschläge bleiben wahrscheinlich. Die 200-Tage-Linie könnte zu Gewinnmitnahmen führen, und eine erneute Eskalation im Nahen Osten könnte über steigende Ölpreise, Inflationserwartungen und Renditen zunächst Gegenwind erzeugen.

Doch das größere Bild hat sich nicht verändert: steigende Staatsschulden, wachsende Finanzierungskosten, strukturelle Geldentwertung, geopolitische Spannungen, Dedollarisierung und anhaltende Goldkäufe der Zentralbanken.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis der vergangenen sechs Monate. Gold war nicht verschwunden. Der Markt hatte lediglich das Interesse an ihm verloren.

Jetzt kehrt dieses Interesse zurück. Totgesagte leben länger. Gold ist wieder da.

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