Gold steht unter Druck
Der Goldpreis befindet sich in einer schwierigen Marktphase. Nach dem Rekordhoch im Januar hält die Korrektur inzwischen seit rund fünf Monaten an. Die Dynamik zeigt nach unten, neue Käufer fehlen und die Stimmung hat sich deutlich eingetrübt.
Doch woran liegt die aktuelle Schwäche eigentlich?
Das aktuelle Markt-Narrativ
Die Erklärung, die derzeit an den Finanzmärkten dominiert, ist schnell erzählt.
Der Konflikt mit dem Iran bleibt ungelöst. Gleichzeitig notiert der Ölpreis mit rund 100 US-Dollar pro Barrel wieder auf einem erhöhten Niveau. Damit wachsen die Sorgen vor einer neuen Inflationswelle.
Steigende Energiepreise wirken sich schließlich auf nahezu alle Wirtschaftsbereiche aus. Entsprechend haben die Erwartungen an die Geldpolitik zuletzt gedreht. Statt über Zinssenkungen zu diskutieren, wird inzwischen wieder über mögliche Zinserhöhungen spekuliert.
Die Folge: Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen steigen erneut an. In den USA notieren sie wieder im Bereich von sportlichen 4,5 Prozent.
Und genau hier liegt das gängige Argument gegen Gold. Höhere Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten einer Goldanlage. Während Anleihen laufende Erträge bieten, wirft Gold keine Zinsen ab.
Aus Sicht vieler Marktteilnehmer erklärt dies die aktuelle Goldpreisschwäche.
Ja, es gibt sicherlich Kapitalumschichtungen von Gold zum Geldmarkt. Allerdings greift diese Sichtweise zu kurz.
Die eigentlichen Ursachen liegen woanders
Der Goldpreis hatte sich von Anfang 2024 bis Anfang 2026 mehr als verdoppelt. Es kam zu einer spekulativen Überhitzung bei Gold und Silber.
Irgendwann nährte die Hausse nicht mehr die Hausse. Während Gold über Monate hinweg immer neue Anleger anzog, hat sich der Fokus inzwischen verschoben. Das Kapital sucht neue Geschichten und neue Renditechancen.
Vor allem der KI-Sektor steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die großen Chip-Hersteller verzeichnen weiterhin enorme Kursgewinne. Hinzu kommt der bevorstehende Börsengang von SpaceX, der als größter IPO der Geschichte gehandelt wird. Analysten rechnen damit, dass allein diese IPO 75 Milliarden US-Dollar an Kapital anzieht.
Das sind Investments, die teilweise aus anderen Märkten und Vermögensklassen abgezogen werden. Auch der Kryptobereich ist seit Monaten von diesem Phänomen betroffen. So hat sich der Bitcoin seit den Höchstkursen im vergangenen Jahr halbiert.
Viele Anleger sehen derzeit größere Chancen bei Technologie- und Wachstumswerten als bei Edelmetallen und Kryptowährungen. Entsprechend werden Mittel umgeschichtet.
Dies erklärt möglicherweise mehr von der aktuellen Goldschwäche als die Diskussion über Zinsen und Inflation.
Goldinvestments sind derzeit weniger gefragt
Diese Entwicklung zeigt sich besonders deutlich am Terminmarkt.
Der Open Interest an der COMEX ist zuletzt auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2009 gefallen. Das zeigt ein außergewöhnliche geringes Interesse institutioneller Händler und Spekulanten am Goldmarkt.
Bemerkenswert ist allerdings ein anderer Punkt.
Trotz des Preisrückgangs wurden bislang keine aggressiven Short-Positionen aufgebaut. Professionelle Händler setzen also keineswegs geschlossen auf weiter fallende Goldpreise.
Der Markt wirkt vielmehr desinteressiert.
Auch bei den Gold-ETFs fehlen Impulse. Die Bestände entwickeln sich seit Monaten schwach. Allerdings reagieren ETF-Investoren traditionell trendfolgend. Sie steigen meist erst dann wieder ein, wenn ein Aufwärtstrend bereits sichtbar ist.
Der westliche Goldmarkt befindet sich derzeit schlicht in einer Zwischenphase.
Nun zählt die Charttechnik
Damit rückt die aktuelle technische Situation bei Gold immer stärker in den Vordergrund.
Der Goldpreis nähert sich der langfristig wichtigen 200-Tage-Linie. Diese verläuft aktuell im Bereich von rund 4.400 US-Dollar beziehungsweise 3.800 Euro.
Damit befindet sich diese Unterstützung auf Höhe des März-Tiefs.
Genau diese Zone dürfte kurzfristig über die weitere Entwicklung entscheiden.
Sollte Gold dort nach unten durchbrechen, würde sich das Chartbild deutlich verschlechtern. Gleichzeitig rückt die Gefahr eines sogenannten Todeskreuzes näher. Dabei fällt die 50-Tage-Linie unter die 200-Tage-Linie.
Technisch orientierte Händler betrachten dies als mögliches Bärenmarkt-Signal.
Kommt es dagegen erneut zu einer Stabilisierung, wäre auch ein deutlicher Rebound denkbar. Die Voraussetzungen dafür sind durchaus vorhanden. Allerdings fehlen eindeutige fundamentale Impulse, etwa im Zusammenhang mit einem möglichen Deal im Iran-Konflikt oder Kapitalverschiebungen in sichere Häfen, sollten es zu Verwerfungen an den Märkten kommen.
Am wahrscheinlichsten erscheint zunächst die Fortsetzung einer längeren Seitwärtsbewegung ohne spektakuläre Kursauschläge.
Ein Blick zurück – Wo stehen wir?
Dabei lohnt sich ein kurzer Blick zurück, um die aktuelle Marktlage einzuordnen.
Die letzte Phase der Goldhausse, vor allem im Jahr 2025, war von außergewöhnlichen Marktbedingungen geprägt. Spekulationen über US-Zölle auf Gold und massive Kursaufschläge in China (Arbitrage) sorgten international für große physische Goldbewegungen und vorübergehende Engpässe an den großen Handelsplätzen.
Zeitweise wurde Gold praktisch überall benötigt. Allerdings befand sich das Metall oft nicht in der gewünschten Form oder am gewünschten Ort.
Die enorme Nachfrage nach strategischem Gold (und Silber) und die daraus resultierenden Preiseffekte zogen Spekulanten an und trieben die Edelmetallkurse auf neue Rekordstände.
Heute sind diese Effekte weitgehend verschwunden.
Die Aufschläge in China existieren nicht mehr. Der sogenannte China-Spread ist mittlerweile sogar negativ (siehe Grafik unten). Damit spielen kurstreibende Arbitrage-Geschäfte kaum noch eine Rolle.
China bleibt zentraler Faktor
Denn noch lässt sich daraus kein Rückgang der physischen Nachfrage ableiten.
Die aktuellen Schweizer Exportdaten zeigen vielmehr, dass China weiterhin erhebliche Mengen Gold aufnimmt.
Allein im April gingen rund 30 Tonnen Gold aus der Schweiz nach China. Seit Jahresbeginn summieren sich die Lieferungen bereits auf rund 123 Tonnen.
Asiatische Käufer gelten traditionell als ausgesprochen preissensibel. Dies kann Hinweis darauf geben , dass die niedrigeren Kurse gezielt für weitere auch strategische Käufe (Goldreserven) genutzt werden.
Während westliche Anleger abwarten, scheint Asien weiterhin zu akkumulieren.
Die langfristigen Treiber bleiben bestehen
Die aktuelle Korrektur hat zweifellos Spuren hinterlassen. Gleichzeitig wurden aber auch viele Übertreibungen aus dem Markt genommen.
Der spekulative Überschwang der vergangenen Jahre ist weitgehend verschwunden. Das Interesse institutioneller Händler ist gering. Die ETF-Anleger bleiben zurückhaltend.
Genau darin könnte mittelfristig eine Chance liegen.
Denn die strukturellen Gründe für den Gold-Bullenmarkt haben sich nicht verändert.
Die weltweite Staatsverschuldung steigt weiter an. Die großen Industrieländer finanzieren ihre Haushalte zunehmend über neue Schulden. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage der Zentralbanken hoch und die schrittweise Abkehr vieler Länder vom US-Dollar setzt sich fort – auch im Kontext der anhaltenden geopolitischen Machtkämpfe.
Diese Faktoren stehen auch im Mittelpunkt der langfristig positiven Bankenprognosen.
Während die Deutsche Bank zuletzt ein Kursziel von 8.000 US-Dollar bis zum Jahr 2031 nannte, senkte die UBS ihre kurzfristige Prognose. Solche Einschätzungen zeigen vor allem eines: Die Unsicherheit über den kurzfristigen Verlauf ist groß.
Заключение
Kurzfristig richtet sich der Blick auf die technischen Rahmenbedingungen (200-Tage-Linie). Das heißt, im Bereich von rund 4.400 US-Dollar beziehungsweise 3.800 Euro wird es kritisch.
Dort dürfte sich entscheiden, ob die laufende Korrektur in einen ausgewachsenen Bärenmarkt übergeht oder ob Gold erneut nach oben dreht.
Aus Sicht langfristiger Anleger hat sich die Situation jedoch deutlich verändert. Viele spekulative Übertreibungen wurden bereits aus dem Markt gespült. Gleichzeitig bleibt die physische Nachfrage robust und die grundlegenden Argumente für Gold bestehen fort.
Wer Gold als Spekulationsobjekt betrachtet, findet derzeit vermutlich attraktivere Märkte. Wer Gold dagegen als Absicherung gegen Geldentwertung und Vermögensverluste versteht, erhält diese Versicherung heute zu deutlich günstigeren Konditionen als noch vor wenigen Monaten.