Goldrally auf schmalerer Basis
Im Juli fand der Goldpreis im Bereich von 4.000 USD je Unze einen Boden. Danach ging es kräftig nach oben. Im August kostete die Feinunze zeitweise rund 4.700 USD. Dann kam Jackson Hole.
Fed-Chef Kevin Warsh rückte dort die weiterhin hohe Inflation in den Mittelpunkt. Die Fed müsse handeln, wenn der Preisdruck nicht überzeugend nachlasse. Daraufhin stieg an den Märkten die Erwartung, dass die amerikanische Notenbank die Zinsen in ihrer Sitzung am 16. September noch einmal anheben könnte. Gold geriet kräftig unter Druck.
Inzwischen hat sich der Goldpreis wieder gefangen. Allerdings unterscheidet sich diese Erholung von der Rally Ende 2025 und Anfang 2026.
Damals kamen die Käufer aus unterschiedlichen Bereichen. Heute wird ein erheblicher Teil der Bewegung von westlichen Finanzinvestoren getragen. Geld fließt in große Gold-ETFs und auch am US-Terminmarkt wird kräftig auf steigende Goldpreise gesetzt.
Das funktioniert gut, solange das Momentum hält. Es kann aber auch schnell in die andere Richtung gehen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die aktuelle Goldrally wird stark von westlichen Finanzinvestoren und Spekulanten getragen; die breite physische Nachfrage aus China und Indien fehlt bislang.
- Am US-Terminmarkt liegt der Spekulantenanteil am Open Interest nahe am Rekordhoch – das erhöht das Risiko kräftiger kurzfristiger Kursschwankungen.
- Die Fed steckt im Dilemma: Höhere Zinsen belasten Gold kurzfristig, verschärfen längerfristig aber die Finanzierung der enormen US-Staatsschulden.
- Zentralbanken bleiben ein langfristiger Stützpfeiler am Goldmarkt. China stockt seine Reserven weiter auf, während andere Notenbanken ihre Goldbestände strategisch neu ausrichten.
- Zahlreiche Banken haben ihre Gold-Prognosen für 2026 angehoben.
- Aus technischer Sicht bilden 4.350 USD bzw. 3.700 EUR wichtige kurzfristige Unterstützungen.
Viele Spekulanten am US-Terminmarkt
Wie stark die Spekulanten inzwischen am Goldmarkt beteiligt sind, zeigen die aktuellen CoT-Daten. Zum 1. September lag der Anteil der großen Spekulanten am gesamten Open Interest bei 64 Prozent. Eine Woche zuvor waren es sogar 65 Prozent gewesen. Das war der höchste von Goldreporter erfasste Wert.
Damit steckt derzeit viel spekulatives Geld im Goldmarkt.
Solche Positionen befinden sich häufig in „schwächeren Händen“. Ein Futures-Händler verfolgt normalerweise andere Ziele als ein Anleger, der Gold über Jahre als Vermögensschutz hält. Ändern sich die Zinserwartungen oder steigt plötzlich der Dollar, kann der Händler seine Position innerhalb weniger Minuten verkaufen. Auch technische Marken spielen dabei eine große Rolle.
Deshalb kann ein hoher Spekulantenanteil eine Aufwärtsbewegung verstärken, er macht den Goldpreis aber gleichzeitig anfälliger für Rückschläge.
Was dann passieren kann, zeigte sich nach der Rede von Warsh in Jackson Hole. Viele Anleger hatten zuvor auf weiter steigende Kurse gesetzt. Als sich die Zinserwartungen änderten, wurden Gewinne mitgenommen und Positionen geschlossen. Der Goldpreis fiel an diesem Tag um mehr als 3 Prozent.
Wo bleiben China und Indien?
Damit fehlt der aktuellen Goldrally noch etwas, was Ende 2025 und Anfang 2026 eine größere Rolle gespielt hatte: eine starke physische Investmentnachfrage aus Asien.
Die Experten des World Gold Council sehen zwar erste Anzeichen einer Belebung in China. Auch in Indien habe sich die Stimmung verbessert. Eine breite Rückkehr der Käufer erkennen sie bisher aber noch nicht. Asiatische Konsumenten sind bekanntermaßen sehr preissensibel.
Dabei kauft zumindest die chinesische Zentralbank weiter Gold. Im August stiegen Chinas offizielle Goldreserven um weitere 20 Tonnen. Peking setzt seine Goldkäufe also fort. Seit Jahresbeginn summieren sich die Zugänge bei der People’s Bank of China auf 147 Tonnen.
Außerdem zeigt die Schweizer Exportstatistik weiterhin große Goldlieferungen in die Region, mit knapp 22 Tonnen im Juli und rund 255 Tonnen seit Jahresbeginn nach China und Hongkong.
Hinzu kommen enorme russische Goldexporte nach Fernost. Außenhandelsdaten zeigen, dass Russland von Januar bis Juli fast 100 Tonnen Gold nach Hongkong lieferte – knapp dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum.
Währenddessen versuchte die Regierung in Indien, den Goldkonsum mit Appellen und höheren Importzöllen zu dämpfen. Aktuelle Zahlen zeigen, dass sich Käufer davon nur kurz beeindrucken ließen. Im Juli zogen Indiens Goldnachfrage und Goldimporte wieder deutlich an.
Sollte der asiatische Goldmarkt auf der Konsumentenseite wieder stärker wachsen, würde eine neue Rally nicht mehr so stark von westlichen Finanzinvestoren und dem US-Terminmarkt abhängen.
Geopolitik wirkt derzeit eher gegen Gold
Der US-Iran-Konflikt ist nicht verschwunden, die Lage ist zuletzt sogar weiter eskaliert. Allerdings profitiert Gold davon bislang kaum. Im Gegenteil: Die Spannungen im Persischen Golf trieben die Ölpreise erneut nach oben und sorgten gleichzeitig für steigende US-Renditen. Beides belastete zuletzt die Edelmetalle.
Höhere Energiepreise schüren neue Inflationssorgen. Was normalerweise als Argument für den sicheren Hafen Gold gilt, wirkt derzeit gegen den Goldpreis. Denn mit steigender Inflation wächst die Gefahr, dass die Fed die Zinsen länger hoch hält oder sogar erneut anhebt.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Die geopolitischen Spannungen haben bislang keine größere Korrektur an den Aktienmärkten ausgelöst. Gerade die Kombination aus politischer Krise und fallenden Aktienkursen sorgt häufig dafür, dass Anleger verstärkt Schutz in Gold suchen.
Im Moment erfüllt Gold deshalb weiterhin seine Rolle als Absicherung. Einen großen zusätzlichen Kaufimpuls liefert die Geopolitik jedoch nicht. Stattdessen dominieren derzeit die indirekten Folgen über Ölpreis, Inflation und Zinserwartungen.
Die Fed hat ein Problem
Kurzfristig dürfte für Gold ohnehin wichtiger sein, was in den USA mit den Zinsen geschieht. Überraschend starke Arbeitsmarktdaten und der erneute Anstieg der Ölpreise haben die Erwartungen einer Zinserhöhung verstärkt.
In dieser Woche wurde die Wahrscheinlichkeit eines Zinsschritts im September am Terminmarkt mit rund 60 Prozent gehandelt. Die neuen Erzeuger- und Verbraucherpreise in dieser Woche können diese Erwartungen noch einmal deutlich verändern.
Für Gold wären höhere Zinsen zunächst keine gute Nachricht. Anlagen mit laufenden Zinsen werden attraktiver und auch der Dollar könnte steigen.
Doch die Sache hat eine zweite Seite.
Warsh will die Inflation bekämpfen. Gleichzeitig hat der amerikanische Staat inzwischen Schulden von mehr als 40 Billionen USD. Bleiben die Zinsen lange hoch, werden nach und nach alte Staatsanleihen mit niedrigen Kupons durch neue Papiere ersetzt, für die Washington deutlich mehr bezahlen muss.
Genau darin steckt das Problem der Fed. Sie kann die Zinsen erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen. Damit erhöht sie aber gleichzeitig die Finanzierungskosten des Staates. Senkt sie die Zinsen zu früh, könnte die Inflation wieder stärker werden.
Für Gold ergeben sich daraus zwei unterschiedliche Perspektiven. Kurzfristig können steigende Zinsen den Goldpreis belasten. Auf längere Sicht verschärfen dieselben hohen Zinsen aber ein Schuldenproblem, das ohnehin schon gewaltig ist.
Deshalb ist auch der sogenannte Debasement Trade nicht verschwunden. Anleger kaufen Gold dabei nicht wegen der nächsten Fed-Sitzung, sondern weil sie langfristig an der Stabilität von Staatsfinanzen und Papierwährungen zweifeln.
Zentralbanken wollen mit ihrem Gold arbeiten können
Dazu passt eine andere Entwicklung am Goldmarkt. Die niederländische Zentralbank hat zuletzt 86 Tonnen ihrer Goldreserven aus Nordamerika nach London verlagert.
Dabei wurden nicht einfach Goldbarren von einem Tresor zum anderen transportiert. Ein Teil des Bestands wurde in Nordamerika verkauft und durch London-Good-Delivery-Barren ersetzt. Die Goldmenge blieb also gleich. Verändert hat sich vor allem die Verfügbarkeit des Goldes.
London ist das wichtigste Zentrum des außerbörslichen Goldhandels. Gold, das dort in der entsprechenden Form lagert, lässt sich leichter verkaufen, verleihen oder für Swap-Geschäfte einsetzen.
Die Experten des World Gold Council sehen darin einen Hinweis darauf, dass Zentralbanken ihre Goldreserven nicht nur als Bestand betrachten, der jahrzehntelang unangetastet im Tresor liegen soll. Im Bedarfsfall wollen sie mit einem Teil dieses Goldes arbeiten können.
Bei den Niederlanden ist dabei ein Punkt wichtig: Die Zentralbank hat ihre Goldposition nicht verkleinert. Sie hat einen Teil des Bestands lediglich so umgeschichtet, dass er am Londoner Markt leichter eingesetzt werden kann.
Was sagen die Bank-Analysten?
Die Goldpreis-Erholung im August wurde von Bankenvertretern positiv kommentiert. Zahlreiche Geldhäuser erhöhten zuletzt ihre Goldpreis-Prognosen.
- Goldman Sachs erwartet zum Jahresende 4.900 USD, hält aber auch höhere Kurse für möglich.
- Morgan Stanley sieht den Goldpreis 2027 über 5.000 USD.
- UBS erwartet zum Jahresende 4.600 USD und sieht den Goldpreis bis September 2027 bei 5.400 USD.
- ING bleibt deutlich vorsichtiger und erwartet für das vierte Quartal 2026 einen durchschnittlichen Goldpreis von lediglich 4.150 USD.
- Standard Chartered erwartet auf Sicht von drei Monaten 4.750 USD und auf Zwölfmonatssicht 5.000 USD je Unze.
Was jetzt für den Goldpreis wichtig wird
Der Goldmarkt steht in einer ungewöhnlichen Situation. Zentralbanken kaufen weiter Gold, die geopolitischen Risiken sind hoch und die amerikanischen Staatsschulden haben die Marke von 40 Billionen USD überschritten.
Gleichzeitig könnte die Fed die Zinsen noch einmal erhöhen.
Und ausgerechnet in dieser Situation stammt ein großer Teil des kurzfristigen Momentums von westlichen Finanzinvestoren und Spekulanten.
Solange der Goldpreis steigt, kann das die Bewegung zusätzlich antreiben. Ändert sich die Stimmung, können dieselben Positionen aber schnell wieder verkauft werden. Jackson Hole hat gezeigt, wie rasch das gehen kann.
Aus charttechnischer Sicht stehen dabei vor allem die Marken von 4.350 USD beziehungsweise 3.700 EUR als wichtige kurzfristige Unterstützungen im Fokus. Ein Bruch dieser Marken könnte angesichts der hohen spekulativen Positionierung zusätzlichen Verkaufsdruck auslösen.
Deshalb wird in den kommenden Wochen nicht nur die Fed wichtig sein. Ebenso interessant ist, was in China und Indien passiert.
Kehren dort die privaten Goldkäufer stärker zurück, steht die Goldrally wieder auf mehreren Beinen. Bleibt diese Nachfrage schwach, hängt kurzfristig weiterhin viel an den US-Konjunkturdaten, den Zinserwartungen – und an den Spekulanten am Terminmarkt.